Es gibt Orte, die klingen schon vom Namen her nach Abenteuer – und Tierra del Fuego, das Feuerland, gehört mit Sicherheit dazu. Am südlichsten Zipfel Argentiniens, dort wo der Kontinent förmlich ins Nichts ausläuft, liegt eine der letzten wirklich unberührten Landschaften der Welt. Genau dorthin führt „End of the World by Jakotango“ – ein Ritt, der seinem Namen alle Ehre macht. Und ich bin dabei! Und mit mir drei abenteuerlustige Freundinnen. Das kann nur gut werden.
Nach ein paar erlebnisreichen Tagen in Buenos Aires fliegen wir nachts – es gibt keinen anderen Flug – nach Río Grande und werden dort vom Transfer abgeholt. Das heißt, wir sind schon um 6 Uhr auf der Farm, dem Ausgangs- und Endpunkt unseres Rittes. Nach einem kleinen Nap in unserem mega süßen Zimmer mit eigenem Kaminfeuerofen und einem leckeren Mittagessen geht es um 14 Uhr in den Sattel für den ersten Ritt – ein sanfter Einstieg, um Pferd und Umgebung kennenzulernen, bevor es in den nächsten Tagen richtig losgeht. Der nächste Tag startet gemütlich mit Frühstück um 9 und der ersten Diskussion darüber, ob man nun bei Nacht das Fenster offen lässt oder nicht, den Ofen nachfeuert oder nicht.
Die arme Petra „muss“ mit Anne im Zimmer schlafen, und Anne ist es einfach IMMER zu warm. Zum Glück haben Eike und ich dasselbe Kälteempfinden. Wir ziehen auch unsere Ponchos, welche man vor Ort leihen kann, für den Rest der Woche nicht mehr aus. Was für eine geniale Erfindung! Die Dinger riechen zwar wie eine ganze Schafsherde, aber sind wasserdicht, winddicht und mega warm. Um 10 geht‘s los zu einem Tagesritt. Das Wetter ist mega, auch wenn es am Nachmittag ordentlich windig wird und besagter Poncho zum ersten Mal zum Einsatz kommt. Wir reiten entlang der Grenze zu Chile – in schon jetzt wunderschöner Landschaft. Immer wieder sehen wir Guanakos, sie sehen eigentlich aus wie Lamas und leben hier frei als Wildtiere. Zum Mittagessen gibt es Paella und einen leckeren, gekühlten Rosé, an einem einsamen Plätzchen entlang des Flusses. Für den anschließenden Powernap eignet sich der Poncho ebenfalls hervorragend, um sich darin einzuwickeln. Zum Abendessen verwöhnt uns der Koch Nacho dann mit Ossobuco. Argentinien ist stark fleischlastig, aber Nacho ist wirklich fantastisch und kann auch für jegliche Allergien eine Alternative kochen. Aber man merkt ihm an, dass ein gutes Stück Fleisch sein Herz höher schlagen lässt. Er hat ein Restaurant in Buenos Aires, liebt aber die Ritte und das mobile Kochen. So gehört er während der Saison zum festen Team.















Am Samstag machen wir uns dann auf zur nächsten Station – diesmal sind wir schon um 7 Uhr im Sattel. Die Landschaft ist geprägt von riesigen Biberdämmen – die Tiere haben hier ganze Landstriche umgestaltet. Wir queren den Río Menéndez, und je weiter wir kommen, desto mehr seltsamer Matsch erschwert das Vorankommen. Marcos, unser Guide, erklärt uns, dass das im Winter entsteht, weil hier der Boden meist von einer Eisschicht überzogen ist und sich darunter diese Bodenkonsistenz bildet. Das hat zur Folge, dass unser Tag, der sowieso der längste der Woche ist, noch länger dauert, weil wir häufig umdrehen müssen und auch nur langsam vorankommen. Zwei Pausen retten den Tag: eine Frühstückspause mit Brownies und später eine ausgedehnte Rast mit richtig leckeren Sandwiches. Zum Schluss wird es noch einmal zäh, weil der Boden so matschig ist, dass wir ständig stecken bleiben. Marcos sagt uns ständig, dass wir in etwa einer Stunde da sind. Als er jedoch nochmal eine Pause einlegt und ein weiteres Paket mit Brownies aus der Satteltasche zieht, ist uns allen klar: Das wird noch ein langer Abend. Aber die Stimmung ist gut, und für den Rest der Woche ziehen wir ihn damit auf, wenn er uns sagt, wir reiten noch eine Stunde, und fragen, ob er Brownies dabei hat. Erst um 22 Uhr erreichen wir die Estancia Río Apen. Nach so einem Tag schmeckt das Abendessen gleich doppelt gut. Übernachtet wird im Caravan mit festen Betten und dicken Daunendecken. Sowas von gemütlich!
Auf der Estancia Río Apen lernen wir die Chefin kennen – eine unglaublich sympathische Frau um die 80, die fließend Deutsch spricht. Ihre Eltern sind 1940 mit der ganzen Familie ausgewandert, und weil ihre Großmutter nie Spanisch gelernt hat, spricht auch sie heute noch so perfektes Deutsch. Ihre Mutter ist erst vor Kurzem im stolzen Alter von 101 Jahren verstorben. Sie hat sogar noch Familie in Eutin. Wie mutig manche Menschen sind, in der damaligen Zeit, wo man sich über nichts informieren konnte, an dieses einsame Fleckchen Erde auszuwandern und ein neues Leben zu beginnen. Da muss man schon einen starken Willen haben. Früher hatte die Familie 12.500 Schafe, bis wilde Hunde den Bestand fast komplett dezimierten und sie auf Rinderzucht umstellen mussten, um nicht ihre Existenz zu verlieren. Die wilden Hunde sind wohl ein ernsthaftes Problem, welches sich logischerweise unaufhaltsam vermehrt und von den einzelnen Farmern nicht in den Griff zu bekommen ist. Die Hunde erlegen ein Schaf und kommen dann in einen sogenannten Blutrausch und töten einfach immer weiter, ohne die toten Tiere dann zu fressen.
In Río Apen bekommen wir neue Pferde: Ich reite jetzt Casique, ein echter Brummer, aber angenehm und ganz bequem zu reiten. Wir sitzen jetzt alle auf „Bergpferden“. Sie sind deutlich kräftiger als die bisherigen Pferde und werden unsere Begleiter für den zweiten Teil der Reise sein, wenn es jetzt in die Berge geht. In unserer nächsten Unterkunft El Boquerón erwartet uns wieder ein gemütlicher Caravan zum Übernachten sowie ein Haupthaus, in dem wir uns aufhalten können und die Mahlzeiten einnehmen. Die Pferde stehen derweil auf einer rieeeeeesigen Wiese.






Am nächsten Tag steht unser erster Ritt in die Berge an, und schon auf dem Weg nach oben sehen wir eine ganze Herde Wildpferde, die hier in der Gegend leben. Es geht steil bergauf bis zum Gipfel. Der 360-GradBlick von hier oben ist der absolute Wahnsinn – man kann sogar bis zum Meer schauen. Es ist der perfekte Spot für ein kleines Fotoshooting. Zum Mittagessen gibt‘s Empanadas aus der Satteltasche und einen kleinen Powernap im Wald. Nachdem uns die Pferde schon bei dem steilen Anstieg schwer beeindruckt haben, zeigen sie auch beim Abstieg, was in ihnen steckt – geschickt lassen sie sich an manchen Stellen regelrecht seitlich herunterrutschen, anstatt zu gehen. Zurück in Boquerón wartet bereits das Abendessen auf uns: Es gibt einen ganzen Rippenbogen vom Rind, auf dem offenen Feuer gegrillt – viel Fett, wenig Fleisch, aber unglaublich lecker.
Am kommenden Tag geht es dann in die vollkommene Wildnis: Wir haben unser Gepäck für eine Nacht in Satteltaschen dabei, und die restlichen Dinge, die wir brauchen, werden mit Packpferden zu unserer nächsten Unterkunft im Nationalpark gebracht. Unser Ziel ist die Puesto República – eine süße kleine Hütte mit Tisch und Herd, mitten in der Wildnis. Kurz nachdem wir angekommen sind, treffen auch die Jungs mit den Packpferden und allem, was wir für die Nacht sonst noch brauchen, ein. Das Wetter ist super, und wir haben noch ein weiteres Highlight heute vor uns. Wir reiten in ein Tal und beginnen dann einen Aufstieg in Serpentinen, weil es sonst zu steil wäre.
Oben angekommen liegt auf dem Bergkamm noch Schnee, und vor uns eröffnet sich das krasseste Bergpanorama, welches ich jemals gesehen habe! Was für ein ergreifender Moment. Und um dem Ganzen noch ein Krönchen aufzusetzen, kommt von irgendwoher ein Kondor, der so nah über uns seine Kreise zieht, dass wir sogar seine Augen erkennen können. Wir bleiben eine ganze Weile hier oben. Es windet mega, aber es ist einfach zu schön hier. Und weil es heißt, in Feuerland kann man alle Jahreszeiten an einem Tag erleben, bekommen wir das heute auch noch zu spüren. Gestartet mit Sonne, fängt es plötzlich wie verrückt an zu schneien, und wir treten den Heimweg an; etwas weiter unten
regnet es; danach hagelt es, und dann scheint plötzlich wieder die Sonne! Zurück an unserer Hütte versorgen wir die Pferde, und inzwischen haben zwei fleißige Heinzelmännchen für uns alle Zelte aufgebaut. Ausgestattet mit Feldbett, Schlafsack und Wärmflasche kann das nur eine urgemütliche Nacht werden. Zumindest für Eike und mich, weil wir uns einig sind, dass bei diesem Wind das Zelt zugemacht wird. Während wir dick eingemummelt im Bettchen liegen, hören wir aus dem Nachbarzelt eine hitzige Diskussion darüber, welchen Tod Anne sterben wird, wenn das Zelt zugemacht wird, und welchen Tod Petra sterben wird, wenn das Zelt offen bleibt. Wir sind sehr froh, dass am nächsten Morgen beide noch leben, und das, obwohl die eine fürchterlich gefroren hat und die andere knapp einem Hitzschlag entkommen ist.

Bei bestem Wetter reiten wir zurück nach El Boquerón. Wir genießen ein paar schöne Galoppaden, und auch heute sehen wir nochmal die Wildpferde. Nach dem Mittagessen heißt es dann Abschied nehmen von unseren treuen Vierbeinern. Sie haben Urlaub bis zum nächsten Ritt, und für uns geht es mit dem Auto zurück zur ersten Estancia. Zum Abendessen gibt es ein traditionelles Asado, ein ganzes Lamm, am offenen Feuer vom Chef persönlich gegrillt – wirklich super lecker. Wir sitzen noch lange zusammen und genießen noch diesen letzten Abend mit leckerem Rotwein und Nachos köstlichem Essen.
Am nächsten Morgen gibt es eine herzliche Verabschiedung, und wir werden mit dem Auto nach Ushuaia gebracht – ans wirkliche Ende der
Welt. Von dort verteilt sich unsere Gruppe in unterschiedliche Richtungen. Die einen fliegen nach Hause, die anderen reisen weiter, aber einen letzten gemeinsamen Abend haben wir noch, den wir auch in vollen Zügen genießen. Für mich hat dieser Ritt alle Erwartungen übertroffen – und die waren hoch! Seit Monaten habe ich auf Argentinien und insbesondere Feuerland hingefiebert. Denn auch wenn ich ein verwöhntes Gör bin und schon so viele tolle Ritte in vielen verschiedenen Ländern erleben durfte, so gibt es trotzdem noch ein paar Traumziele für mich, und dazu gehört(e) auf jeden Fall Argentinien. Ich werde definitiv nicht das letzte Mal dort gewesen sein – da gibt es noch eine Menge für mich zu entdecken!
Hier findest du den Ritt auf unserer Website: End of the World by Jakotango










