Der Norden Montenegros

Der Ritt durch die Berge im Norden Montenegros stand auf meiner Reise- Wunschliste seit wir vor drei Jahren den neuen Partner zu unserem Portfolio hinzugefügt haben. Im September 2023 hat es nun endlich geklappt und ich bin zur letzten Tour der Saison nach Montenegro geflogen.

Ich muss schon sagen, die Anreise ist schon das erste Abenteuer. Direktflüge von Deutschland aus sind in der Regel sehr teuer und selten, daher entschied ich mich für einen Flug über Belgrad nach Montenegro. Ich wurde dort von einem Mittelmeerklima und vom Eco-Tours Fahrer empfangen, der leider kein Wort Englisch sprach – aber mir dann mit Händen und Füßen erklärte, dass wir noch warten müssen bis der Rest der Reisegruppe eintrifft. In der Zwischenzeit sind wir, mit zwei weiteren Teilnehmern die schon da waren, in ein nahegelegenes Hotel gefahren um auf der Terrasse einen Kaffee zu trinken. Als dann gegen 17 Uhr alle Flüge gelandet waren machten wir uns auf den Weg in den Norden des Landes. Auf dem Weg hielten wir am Moraca Kloster, wo ich leider nach kürzester Zeit von einer älteren Dame mit erhobenem Zeigefinger wieder raus geschickt wurde – ich hatte bei 28°C im Schatten nicht daran gedacht, meine Jacke mitzubringen um in der kleinen Kapelle meine Schultern zu bedecken. Somit wartete ich in meinem Tank Top mit weiteren Teilnehmern, die zu kurze Hosen anhatten, draußen vor der Kapelle und spielte mit den Katzenbabys und Hunden. Daher mein Pro-Tipp: denkt daran, am Reisetag für die Besichtigung des Klosters lange Kleidung anzuhaben bzw. einen Schal mitzubringen, der die Schultern bedecken kann.

Angekommen bei Bijeli Potok, dem „Hauptquartier“ von Eco Tours, werden wir von Ivana herzlich begrüßt. Sie zeigt uns die gemütlichen Zimmer und lädt uns dann ein in das Restaurant zu kommen, wo wir den ersten „Raki“ (selbstgemachter Schnaps) trinken und dann zu Abend essen. Es gibt zuerst eine Suppe und danach das Hauptgericht. Auf dem Tisch stehen (ganz nach Balkantradition) auch immer selbst gebackenes Brot und Rohkost (Tomaten, Gurken und Weißkraut). Wir werden in den nächsten Tagen schnell lernen, dass dies ein absolut typisches Essen ist und sind am Ende schon fast enttäuscht, wenn es ein mal keine Suppe zum Essen gibt. Wir lernen Milan kennen, unseren Guide für die Woche und unterhalten uns ein wenig über die Pferdevorlieben und Reiterfahrungen von jedem Einzelnen, sodass er uns morgen die Pferde zuteilen kann. Wir sind eine bunt gemischte, aber recht junge Gruppe aus Deutschen, Französinnen, Tschechen und sogar einer Kanadierin und einem Südkoreaner: ich freue mich jetzt schon, in den nächsten Tagen so viele interessante Menschen aus allen Ecken dieser Welt kennen zu lernen!

Am nächsten Morgen treffen wir uns um 8 Uhr zum Frühstück, was wir auch in den nächsten Tagen so beibehalten werden. Ivana versorgt uns mit frischen Pfannkuchen, Aufstrichen, Brot und Belag. Müsli und Obst gibt es auch ausreichend. Gut gestärkt machen wir uns dann auf zu den Pferden. Mein Partner für die Woche heißt Scout und – was ich bald feststelle – ist genau so energiegeladen und dickköpfig wie ich es mir gewünscht habe. Es wird von uns erwartet, die Pferde jeden Tag selbst zu putzen und zu satteln. Natürlich gibt es Unterstützung für alle, die noch nie mit der Westernausrüstung zu tun hatten, aber es ist kein Hexenwerk und bald schon kommen alle alleine zurecht. Als richtige Pferdemädchen lassen wir es uns natürlich auch nicht nehmen, bei der Versorgung der Pferde (Füttern, Tränken, etc.) zu helfen und Milan ist immer dankbar, nicht alles alleine erledigen zu müssen.

Der erste Reittag startet direkt mit einem Aufstieg über 1000 Höhenmeter und vielen Stunden im Sattel (wer empfindlich ist, sollte hier auf jeden Fall einen Sitzschoner mitbringen). Dabei wird uns allerdings nie langweilig. Jede Kurve um die wir reiten bringt uns zu einer neuen Aussicht und wir staunen nicht schlecht über die Vielseitigkeit dieses kleinen Landes. Dichte Wälder (hier dürfen die Bäume noch so wachsen, wie sie wollen – im Gegensatz zu unseren „Plantagen“ in Deutschland) wechseln sich ab mit steppenartigem Hochland und steinigem Terrain. Ab dem ersten Tag sind alle Teilnehmer schwer beeindruckt, was diese Pferde hier leisten und wir sind uns alle einig, dass unsere Pferde zuhause sich schon drei Mal die Beine gebrochen hätten. Auch auf den schwierigsten Passagen fühlte ich mich auf Scout immer sicher, bei Manövern die ich zuhause nie versucht hätte. Daher: Dieser Ritt ist nichts für sehr ängstliche Reiter.

Um die Pferderücken zu schonen, wird hier fast nur Schritt und Galopp geritten. Letzteres gerne sehr flott. Nach ein paar Stunden reiten kamen wir an einer Stelle im Berg an, die sich gut als Galoppstrecke eignete. Milan‘s Pferd wurde an erster Stelle schon ganz hippelig und er rief mir zu (ich war bisher eher im hinteren Teil der Gruppe unterwegs), dass ich mit Scout am Besten ganz nach vorne zu ihm kommen soll. Gesagt, getan, und was soll ich sagen: wenn Katha in Namibia immer so von ihrem Wüsten-Ferrari geschwärmt hat, habe ich hier wohl den Berg- und Steppen-Bugatti erwischt. Wir fliegen nur so dahin, und dabei geht es wirklich über Stock und Stein und auch mal einen kleinen Hügel hinunter und hinauf. Am Ende der Galoppstrecke parieren die Pferde schon von selbst durch und Milan und ich (mit breitem Grinsen) warten auf den Rest der Gruppe, die in einem etwas gemächlicherem Tempo nachkommen. Daher keine Angst, es gibt in Montenegro auch Pferde für diejenigen, die etwas gemütlicher unterwegs sein möchten. Von diesem Moment an folgten auf die Frage „wollen wir ein bisschen schneller?“ immer der Satz „Scout nach vorne!“ und es gab so einige Gelegenheiten für mich, Beschleunigung und Ausdauer meines neuen Freundes zu testen. Auf dem Weg werden immer wieder Pausen gemacht, in denen uns Milan die Gegend erklärt – überhaupt ist sein Wissen über die Gegend, Land und Leute grenzenlos – und wir einen kleinen Snack zu uns nehmen können. Manchmal wachsen am Wegesrand wilde Heidelbeeren, manchmal können wir unsere Wasserflaschen direkt an einer frischen Quelle auffüllen. Immer wieder kommen wir an kleine Teichen, Bächen oder Viehtränken vorbei, wo auch die Pferde ihren Durst stillen können.

Die erste Nacht unterwegs übernachten wir in einem kleinen Skiressort, in welchem es einfache Holzhütten für zwei Personen gibt, welche leider nicht über eine Heizung verfügen. Als ich vom Lagerfeuer direkt ins Bett falle, bleibt die ersehnte wohlige Wärme leider aus und es wird eine eher ungemütliche Nacht. Am Morgen stelle ich fest, dass es nicht nur mir so ging und die Pläne, am heutigen Reit- tag im See baden zu gehen werden (fast) über Bord geworfen. Da ich mir aber vorgenommen habe, auf diesem Ritt alles mitzunehmen was geht, packe ich meinen Badeanzug und Handtuch doch in die Satteltaschen. Und nachdem wir unsere Pferde einen extrem steilen Hang hinuntergeführt haben, glitzert vor mir der See und ich beschließe kurzerhand, gemeinsam mit der tschechischen Mitreiterin, eine Runde schwimmen zu gehen. Es war zwar wirklich kalt, aber danach war ich wenigstens richtig wach trotz des Schlafmangels.

Der heutige Reittag ist mit Abstand mein Favorit: es wechseln sich Wälder mit offenen Flächen und Heidelbeerfeldern ab, in denen sich der beginnende Herbst schon wunderschön widerspiegelt. Bei einem Glas Wein schauen wir uns einen atemberaubenden Sonnenuntergang an. Außerdem ist das Essen (sowohl zur Mittagspause, als auch zum Abendessen) so lecker! Wie immer gibt es eine Suppe und ein Hauptgericht. Auf dem Tisch stehen auch „Priganica“, das sind frittierte Teigbällchen, die traditionell als Zeichen des Willkommen- seins gereicht werden. Eins ist sicher – hungern muss hier niemand.

Das wird uns auch am dritten Reittag bewiesen. Heute überqueren wir den Fluss Tara (der Wasserstand ist nicht sehr hoch, daher bleiben unsere Füße zum Glück trocken) und kehren zur Mittagspause in einem Restaurant ein. Hier dürfen wir uns von der Karte aussuchen, was uns am meisten anspricht. Ich entscheide mich für „Kačamak“, das ist sozusagen Kartoffelbrei mit Käse und Frischkäse vermischt, und eines der Nationalgerichte Montenegros. Die Portionen sind aber so groß, dass am Ende keiner mehr als die Hälfte schafft. Zumal Milan es auch noch gut mit uns meinte und verschiedene Grillgemüseplatten, Kartoffelspalten und Salate für den Tisch bestellte. Es ist ein Rätsel, wie wir es wieder in den Sattel geschafft haben und nicht einfach davongerollt sind.

Kurz bevor wir die heutige Unterkunft erreichen, zeigt sich schon der Sonnenuntergang am Himmel und die Landschaft ändert sich schlagartig von Wald zu einer steinigen Steppe. Eine frei lebende Herde Pferde grast friedlich anbei – bis der Hengst entscheidet, dass wir für seinen Geschmack ein wenig zu nahe kommen. Er kommt auf uns zu, was natürlich imposant aussieht aber uns doch einen gewaltigen Schreck einjagt, vor allem als er die Richtung ändert und in gestrecktem Galopp auf mich in der Mitte der Gruppe zukommt. Milan hat die Situation jedoch im Griff und scheucht das schöne Tier von unserer Gruppe weg, während wir anderen ruhig weiter reiten. Tatsächlich werden wir den Hengst mit seiner Familie aber in den nächsten Tagen noch einige Male sehen, sowie weitere frei lebende Pferdeherden.

Pferde sind hier traditionell ein großer Teil der Kultur und ein Symbol der Familie, weshalb sie auch mit dem größten Respekt behandelt werden. Der vierte Reittag ist für mich einer der härteren, obwohl wir fast nur Schritt reiten. Das Wetter ist uns nicht mehr wohl gesonnen, es ist den ganzen Tag trüb und es geht ein eiskalter, nasser Wind. Die Landschaft ist zwar atemberaubend schön, ändert sich aber in den acht Stunden im Sattel kaum. Es ist extrem steinig und zum Teil auch sehr steil, sodass hohe Konzentration gefragt ist. Auch heute machen wir Mittagspause am See, aber es will (Überraschung!) niemand schwimmen gehen. Wir alle sind etwas betrübt, dass es bei unserem ersten und einzigen Picknick
ausgerechnet so schlechtes Wetter hat, zumal wir uns auch an einer wunderschönen Location befinden und dies bei Sonnenschein sicherlich mehr genossen hätten.

Die Nacht verbringen wir bei den Brüdern Dragan, Perieriša und Mirčeta, wo es leider keine Duschen zum aufwärmen gibt. Daher begnügen wir uns
mit dem Raki, der zugegebenermaßen etwas nach Nagellackentferner schmeckt. Aber nach der zweiten Flasche ist uns auch das egal. Gemeinsam mit den Brüdern spielen wir ein total lustiges Spiel, bei welchem ein Team einen Ring unter einem von 10 Hüten versteckt und das andere Team raten muss, wo sich der Ring befindet. Trotz den Kommunikationsschwierigkeiten gewinnt unser Team mit 101 zu 30 Punkten, was die lustigen Brüder in eine fabelhafte Stimmung versetzt und sie das andere Team auch beim Katerfrühstück am nächsten Morgen nicht vergessen lassen.

Auch am letzten Reittag gibt es einige energiegeladene Galoppstrecken. Wir reiten durch eine Ebene, wo die Pferde sich auf kilometerlangen Graswegen so richtig ausstrecken können. Wie immer sind Milan und ich ganz vorne und warten auf diejenigen, die das Feld von hinten aufrollen und ich bin ganz außer Atem vom Adrenalin. Von wegen, dieser Ritt ist nur langsam und bergig! Uns erwartet ein weiterer fantastischer Sonnenuntergang, Mimos (unser heutiger Gastgeber mit seiner Frau Violeta) selbst gebrannter Raki und unser neues Lieblingsspiel, das hier jeder in Montenegro kennt. Wir genießen eine heiße Dusche (in einem Haus!!) und fallen dann in die Betten für die letzte Nacht unterwegs. Am letzten Reittag der Tour ist geplant, bis zur Mittagspause zu reiten. Normalerweise würde die Gruppe dann wieder zu Mimo und Violeta zurückkehren für ein selbst gekochtes Mittagessen. Einer unserer Mitreiter wollte jedoch gerne neben dem Ziplinen, was für heute geplant ist, die Rafting Tour machen, die eigentlich seit letzter Saison kein Bestandteil des Ablaufplans mehr ist. Die ganze Gruppe hat er dazu eingeladen! Auf dem Ritt am Vormittag kamen wir an einigen historisch bedeutsamen Grabstätten vorbei, wo Milan uns einiges erzählen konnte und machten schließlich nochmal eine kurze Pause an einem See, sodass die Pferde vor der Heimreise trinken können. Die Pferde werden dann am Treffpunkt vom LKW erwartet und dürfen sich die nächsten 8 Monate auf der Winterkoppel entspannen. Das haben sie sich wirklich verdient!

Wir werden mit dem Bus zur Tara Brücke gefahren, wo wir mit der Zipline über die Schlucht düsen. Meiner Meinung nach ein viel zu kurzes Erlebnis, ich hätte Ewigkeiten dort oben verbringen können! Im Restaurant bekommen wir ein Mittagessen und danach geht es zum Rafting. Leider ist der Wasserstand nicht sehr hoch, daher machen wir eher eine ruhige Bootstour. Wir haben aber viel Zeit, uns das unglaublich klar blaue Wasser und die beeindruckenden Felsen anzuschauen. Am Ende springen wir auch alle nochmal ins eiskalte Wasser, bei dem uns auch die Neoprenanzüge leider nicht viel helfen. Mit dem Bus fahren wir dann wieder zurück nach Bijeli Potok und freuen uns alle über eine heiße Dusche (jedes Zimmer mit eigenem Bad – purer Luxus!) und ein von Ivana gezaubertes Abendessen. Bei der einen oder anderen Flasche Raki lassen wir den Abend ausklingen, tauschen Kontakte aus und schwelgen in Erinnerungen. Ich hatte eine tolle Zeit in Montenegro und bin besonders froh meine Aussage der letzten Reise („Pferdemädchen verstehen sich einfach immer“) bestätigen zu können!

Hvala und bis bald. Hier findest du die Reise auf unserer Website: der Norden Montenegros.

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Alexa Kern

Alexa ist für jedes Abenteuer zu haben! Seit 2022 sitzt sie für pferdesafari im Sattel und ihre Reise-Bucketlist erweitert sich stetig. Sie hat bereits eine Zeitlang als Guide auf einem Reiterhof in Schweden gearbeitet und wohnt nun Teilzeit in Irland – an einem Ort hält es sie jedoch nie lange. Ihr liebstes pferdesafari-Erlebnis bisher ist ein schneller Galopp in den Bergen von Montenegro und der coolste Stempel in Ihrem Reisepass ist eSwatini.

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